Reiseberichte
Tour de France - eine Fahrradtour durch Frankreich – Teil 2
Am Morgen wachten wir ausgeschlafen und mit neuen Kräften auf. Beim Frühstück unterhielten wir uns mit dem Besitzer der kleinen Pension, der uns viel von Tours erzählte. Er war so sympathisch, dass uns der Abschied von ihm und der schönen Stadt schwer fiel, aber wir hatten ja ein Ziel vor Augen, den Atlantik.
Im Nachhinein war es einer der schönsten Tage unserer Radreise. Wir fühlten uns wieder richtig fit und der Loire-Radweg war auf dieser Etappe sehr abwechslungsreich. Wir radelten auf Deichen, vorbei an Feldern und Wäldern. Natürlich hatten wir auch heute Gegenwind, aber das störte uns nicht. Gegen 11.30 Uhr erreichten wir eine kleine Stadt und da wir schon Hunger hatten und auf den nächsten Kilometern keine größere Siedlung war, wollten wir hier Mittag essen. Aber da haben wir wieder einmal Pech gehabt, denn 11.30 Uhr ist zu früh, um irgendwo im Restaurant Essen zu bestellen. Wir aßen dann unser restliches Baguette, Käse und das Gemüse, guckten uns ein wenig den Ort an und fuhren schließlich weiter. Gegen 14 Uhr kamen wir in einer kleinen Stadt an, aber da der Hunger noch nicht so groß war, beschlossen wir in den nächst größeren 10km entfernten Ort zu fahren, weil es dort sicher eine größere Auswahl an Restaurants gäbe. Aber das entpuppte sich als große Enttäuschung, denn dort gab es nichts. Dazu kam, dass die einzige Boulangerie geschlossen hatte… ja klar Siesta! Wir hatten noch einen Apfel und ein paar Nüsse, die aber unseren Hunger kaum stillen konnten. Ich würde jedem Radreisenden empfehlen, immer eine Notration dabei zu haben. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber zum Glück gab es auf dem zentralen Platz einen Brunnen, an dem wir zumindest unsere Wasserflaschen auffüllen konnten.
In dem nächsten größeren Ort mussten wir aber endlich etwas essen. Da es nur ein Restaurant gab, hatten wir keine Wahl. Da wir nach der Mittagszeit und vor der Abendessenszeit da waren, konnten wir natürlich nichts Warmes bestellen. Es gab zwei verschiedene Baguettes, eins mit Ziegenkäse und eins mit „Big dogg“, wie der Keller erklärte. Großer Hund? … der meint damit bestimmt eine Kuh, also ein Baguette mit Rindfleisch. Ja, das hört sich gut an. Was ich dann bekam, war aber kein Rindfleisch auf meinem Baguette, sondern Gänseschmalz… aaahhhh big duck! Das war absolut nichts für mich, aber was isst man nicht alles, wenn man Hunger hat.
Nachdem wir uns noch eine Weile ausgeruht hatten, radelten wir weiter und beschlossen, dass nächste Chambre d’Hôtes zu nehmen, was wir am Wegesrand sehen. Daraus wurde erst mal nichts, denn weil wir so fit waren, wollten wir unbedingt noch einen großen Umweg über einen Weinberg machen. Nein, das war natürlich nicht geplant. Wir haben uns auch ein wenig gewundert, warum es auf einmal so bergig wird, aber am Anstieg wollten wir auch nicht anhalten. Als wir dann ca. 10km durch die Weinberge gefahren sind, guckten wir doch mal auf die Karte und stellten fest, dass wir uns total verfahren haben. Also mussten wir wieder zurück und natürlich auch wieder über die Berge radeln, was mit dem ganzen Gepäck doppelt so anstrengend war. Dafür wurden wir aber mit einer wunderschönen Landschaft belohnt. Schließlich kamen wir wieder zum Radwanderweg und erreichten einen wunderschönen Ort, der wegen des Strands am Loire-Ufer und der umgebenden Weinberge ein wenig mediterran wirkte. Hier gab es auch eine große Auswahl an Restaurants und wir fanden es schade, nicht hier unsere große Pause eingelegt zu haben. Aber so ist das Leben. Da es hier auch einen Supermarkt gab, haben wir gleich ein paar Snacks eingekauft, schließlich weiß man ja nie, wann die nächste Gelegenheit kommt. Auf der Weiterfahrt sahen wir Häuser, die in Felshöhlen eingebaut und von Weinbergen umgeben waren. Ja, diese Route war wirklich unsere schönste der ganzen Radreise. Im nächsten Ort hatten wir das große Glück 2 Minuten eher am einem Chambre d’Hôtes anzukommen, als zwei andere Radler und so ergatterten wir das letzte Zimmer im „Balcon Bleu“. Unser Zimmer war aber nicht „bleu“, sondern durch und durch rosa. Das war ein Erlebnis für sich, das Bett, die Decken, die Wände, Handtücher, Lampen, ja sogar das Klopapier und die Seife waren rosa. Wow, da hat sich jemand richtige Mühe gegeben. Turquant, so der Name es Ortes, erwies sich als kleines Künstlerdörfchen mit einigen Galerien und Lädchen. Wer es ruhig mag, ist hier gut aufgehoben und kann sich bei einem Spaziergang auch den Bauch mit frischem Obst von einem der vielen Obstbäume am Wegesrand vollschlagen.
Am nächsten Morgen wollten wir so früh wie möglich losfahren, weil wir uns vornahmen, wenigstens ein Schloss zu besichtigen. Das einzige Problem dabei war, dass das Frühstück im „Balcon Bleu“ erst ab 9 Uhr serviert wurde. Als wir endlich in den Frühstücksraum kamen, wussten wir gar nicht, wo wir zuerst hinschauen sollten. Die Besitzer des Chambre d’Hôtes sind offenbar große Sammler von Antiquitäten und Kitsch. Allein das war es wert, nicht so früh loszukommen.
Die 70 km bis nach Angers fuhren wir überwiegend über kleine ruhige Wege und auch dieses Mal war die Route sehr schön. Angers hat uns allerdings nicht so gut gefallen. Wir wussten, dass es Tours wohl kaum toppen kann, aber das Angers so hässlich ist… . Das einzige was wir sahen, als wir in die Stadt hereinfuhren, waren Baustellen. Auch dieses Mal sind wir als erstes zur Touristeninfo gegangen, um uns eine Unterkunft zu suchen. Dabei hatten wir großes Glück, dass noch ein Zimmer im Chambre d’Hôtes von Chantal frei war. Chantal besaß ein Haus mit Garten in Angers und war sehr großzügig mit ihren Gästen. Nach dem Motto „Mi casa es tu casa“ konnten wir auch ihre Küche mitbenutzen. Da freuten wir uns schon auf unser Abendessen. Aber zuerst wollten wir unser erstes und letztes Schloss unserer Radreise besichtigen, das Schloss von Roi René. Als wir am Schloss ankamen, war es schon 17 Uhr und so konnten wir zum ermäßigten Preis rein, hatten aber auch nicht mehr die Möglichkeit alles zu sehen. Aber uns war sowieso mehr danach, die Türme zu besteigen und die im Schloss liegenden Gärten zu besichtigen. Das Schloss in Angers ist übrigens nicht unbedingt eines der filigransten, es gleicht eher einer Festung. Nach der Schlossbesichtigung nahmen wir uns noch kurz Zeit durch die historische Altstadt zu spazieren. Doch der Gedanke an unser Abendessen ließ uns schnell zu Chantal´s Haus zurückkehren. Hier bereiteten wir uns einen leckeren Salat zu und aßen Pasta. Da Chantal Freunde eingeladen hatte und noch viel vom Dessert übrig war, konnten wir auch den selbstgemachten Apfelkuchen aufessen.
Das Frühstück bei Chantal war auch fantastisch. Sie hatte alles für uns vorbereitet, musste aber schon früh los und so hatten wir das ganze Haus für uns und haben in aller Ruhe gefrühstückt. Leider regnete es und es sah nicht so aus, als wenn es aufhören würde. Also dachten wir, dass es besser ist, ein kleines Stück mit dem Zug zu fahren. Am Bahnhof stellten wir fest, dass der nächste Zug erst in zwei Stunden fahren würde, also gingen wir in eines der Cafés, um uns aufzuwärmen. Ich bestellte mir einen Pfefferminztee, dachte ich zumindest. Was ich bekam, war aber kein Tee, sondern ein Pfefferminzlikör. Oh je… am frühen Morgen schon einen Likör trinken? Wir sind bis Ancenis mit dem Zug gefahren und zum Glück schien hier auch wieder die Sonne. Da wir genug hatten von der französischen Küche, sind wir dort bei einem Chinesen eingekehrt. Der Kellner fragte uns, wo wir hinfahren und meinte dann, dass“ La Baule“ der schönste Strand am ganzen Atlantik sei und wir dort unbedingt hinmüssten.
Von Ancenis aus fuhren wir den Loire Radweg weiter. In einem der Dörfer haben wir aber verpasst, auf das andere Ufer zu fahren und dann kam kilometerweit keine andere Brücke und auch keine andere Siedlung. Der Weg war teilweise etwas eng, weil auf der linken Seite das Flussufer und auf der rechten Seite die Bahngleise verliefen. Aber irgendwann erreichten wir wieder einen schöneren Radweg. Unser eigentlicher Plan war, zwischen Ancenis und Nantes zu übernachten, wir konnten aber auf der ganzen Strecke keine Übernachtungsmöglichkeit finden und so fuhren wir weiter bis wir schließlich Nantes erreichten. Die Stadt gefiel uns sehr gut, aber bevor wir einen Spaziergang machen konnten, mussten wir erst mal eine Unterkunft suchen. Wir kamen dann zufällig in ein sehr belebtes Viertel (Bouffay) mit vielen kleinen Gassen und Cafés und wussten, dass wir genau hier ein Hotel finden wollten. Das hat zum Glück auch geklappt und unsere Fahrräder konnten wir dort auch sicher unterstellen. Da wir noch ziemlich viel Proviant hatten, aßen wir ganz unkonventionell im Hotelzimmer und gingen dann raus, um etwas zu trinken. An einem der vielen Plätze setzten wir uns in ein Café, tranken einen guten Rotwein und beobachteten Leute. Danach wollten wir noch in eine richtige Bar einkehren und fanden ein belebtes Irish Pub, in dem wir auch schnell viele Leute kennenlernten. Spontan gingen wir mit einigen noch in eine Disco. Total übermüdet kamen wir gegen 4 Uhr im Hotel an und wussten, dass wir nicht lange schlafen konnten, weil wir uns mit denselben Leuten auch zum Brunch verabredet hatten. Der nächste Tag war einer der schönsten. Mit drei Schotten und einem Iren, zwei davon lebten seit längerer Zeit in Nantes, trafen wir uns am Place de Commerce, um dann zusammen nach Trentemoult zu fahren. Trentemoult ist ein ehemaliges Fischerdorf, hat sich den dörflichen Charakter auch erhalten und liegt auf der anderen Seite der Loire. Wir spazierten zu der Stelle, an der die Fähre losfuhr und gingen in Trentemoult in eines der vielen Lokale brunchen. Danach wollten wir wieder übersetzen, hatten aber gerade eine Fähre verpasst. Da nach mehreren Regenschauern jetzt die Sonne rauskam, tranken wir noch einen Kaffee draußen. Wir verstanden uns so gut, dass unsere Gespräche kein Ende nahmen. Und so verpassten wir eine Fähre nach der anderen und tranken einen Kaffee nach dem anderen. Als wir endlich wieder auf dem anderen Ufer waren, war es schon später Nachmittag. Unsere neuen Freunde machten danach noch eine kurze Stadtführung mit uns, zeigten uns den Industriepark mit dem imposanten Elefanten, die wunderschöne Passage Pommeraye und als letztes endeten wir wieder im Irish Pub und blieben dort bis dieser um 1 Uhr nachts zumachte. In Frankreich gibt es eine Sperrstunde für die Bars. Ich habe es so verstanden, dass der Barbesitzer eine Lizenz kaufen muss, für die er dann auf bestimmte Öffnungszeiten festgelegt ist. Will man länger öffnen, wird es auch gleich viel teurer. Es ist schon komisch, wenn die Bar brechend voll ist und auf einmal die Musik aus- und das Licht angeht. Aber zum Glück gab es gleich an der nächsten Ecke noch einen Nachtclub. Hier blieben wir bis 6 Uhr … oh der nächste Tag wird hart werden! Wir mussten schon um 10 Uhr auschecken, uns blieb also nicht viel Zeit zum Schlafen.
Müde, müde, müde und nochmals müde schleppten wir uns von der 6. Etage herunter um auszuchecken und unsere Fahrräder zu holen. Uns war eigentlich nur nach einem gemütlichen Frühstück mit extra starkem Kaffee. Bei der Suche nach einem Café zum Frühstücken waren wir aber nicht so erfolgreich… das alte Problem: zu spät für Frühstück, zu früh für Mittag. Wir haben uns dann bei einem Bäcker ein belegtes Baguette gekauft und es an der Bushaltestelle gegessen. Danach sind wir in ein Café am Place de Commerce gegangen, um unsere bevorstehende Etappe zu planen. Von Angers aus hatten wir uns schon eine Unterkunft in einem Chambre d’Hôtes in der Nähe des Atlantiks gesucht. Nun mussten wir nur noch irgendwie dort hinkommen. Auf der Karte sah es auch gar nicht so schwer aus und da wir zu müde für die Detailplanung waren, machten wir uns auf den Weg. Wie sich jeder vorstellen kann, war es sehr hart, aber wir waren selbst zu müde, um über unsere Müdigkeit nachzudenken, also ging es irgendwie voran. Wahrscheinlich hätten wir doch mal auf die Karte gucken sollen, denn irgendwann stellten wir fest, dass wir total falsch waren und das ausgerechnet heute! Aber irgendwann kamen wir in La Sicaudais an und es war wunderschön dort. Unsere Gastgeber hatten ein sehr schönes Grundstück und ein kleines Nebenhäuschen war als Gästewohnung ausgebaut. Wir fühlten uns sofort wohl, aber nachdem wir im Zimmer waren, sind wir auch sofort eingeschlafen und wachten erst am nächsten Morgen wieder auf.
Unser Frühstück wurde uns mit selbstgemachtem Kuchen und Marmelade auf der Terrasse im Garten serviert. So fängt der Tag doch gut an. Heute wollten wir nun endlich den Atlantik sehen. Eigentlich wollten wir in Pornic herauskommen, aber wir haben mal wieder den falschen Weg gewählt und kamen schließlich in Saint-Michel-Chef-Chef heraus. Hier kauften wir ein paar Sachen ein, machten ein langes Picknick am Strand und sprangen dann kurz in die Fluten. Danach ging es weiter nach Pornic und schließlich wieder zurück in unsere Unterkunft. Am Abend holte uns einer unserer neuen Freunde aus Nantes mit dem Auto ab und wir fuhren zusammen zum angeblich schönsten Strand Frankreichs, „La Baule“. Dabei fuhren wir auch über die imposante Brücke von St. Nazaire, die wir eigentlich mit dem Fahrrad passieren wollten. Zum Glück sind wir vorher mit dem Auto hier gewesen und entschieden gleich, dass das mit dem Fahrrad viel zu gefährlich wäre. La Baule war eine große Enttäuschung. Es ist ein ziemlich zugebauter Strandabschnitt mit vielen Hotels. Da hat Pornic wirklich schönere und naturbelassenere Strände, die wir am nächsten Tag ausgiebig auskundschafteten.
Für den nächsten Tag war eigentlich geplant nach St. Nazaire zu fahren um von dort aus mit dem Zug zurück nach Paris zu fahren. Da uns die Brücke aber Angst einjagte, beschlossen wir, in Nantes in den Zug zu steigen. Wir fuhren also die rund 40 km zurück und planten ausreichend Zeit dafür ein, um unseren Zug nicht zu verpassen. Übrigens ist das Personal an den Serviceschaltern der französischen Bahn nicht sehr kompetent und wenn man fragt, ob man das Fahrrad mitnehmen kann, wird gleich abgewinkt. Bereits in Tours haben wir ein wenig dazu recherchiert und fanden heraus, dass die Seite der Deutschen Bahn am besten für die Recherche nach Zügen mit Fahrradmitnahme geeignet ist. Auf der französischen Seite kann man die Fahrradmitnahme nicht auswählen.
Heute war der erste Tag mit Rückenwind, wir fuhren ja auch Richtung Osten und so kamen wir viel früher in Nantes an als geplant. So gönnten wir uns ein ausgiebiges Mittagessen und schlenderten noch ein wenig durch die Stadt, bevor wir in den Zug nach Paris stiegen. In Le Mans mussten wir umsteigen und erreichten schließlich am frühen Abend Paris Montparnasse. Von hier aus radelten wir zum Gare de l’Est und stiegen mit vielen neuen Eindrücken in den Nachtzug zurück nach Berlin.